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Mit unseren Publikationen informieren wir über Menschenhandel in Deutschland und weltweit, lassen Experten zu Wort kommen und geben praktische Tipps, was man ganz konkret gegen Menschenhandel unternehmen kann.
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 Magazin 1 ″Menschenhandel″

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 Flyer

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DIE AUSBLEIBENDE EMPÖRUNG

Zwangsprostitution ist ein Massenphänomen und mit Vergewaltigung und Folter ein besonders schweres Verbrechen. Aber es wird polizeilich kaum ermittelt und nur gelinde bestraft.

Fast alle Länder der Erde haben harte Gesetze und Strafen gegen Vergewaltigung, Folter und Entführung. Für alle drei Verbrechen sieht das Strafrecht hohe Strafen vor. Bei allen dreien wollen wir nicht die kleinste Aufweichung. Für Vergewaltigung darf es keine Rechtfertigung geben, natürlich auch nicht in der Ehe. Folter ist nie zulässig, ja in Deutschland musste ein Polizeipräsident seinen Hut nehmen, weil er einem Kindesentführer Folter nur androhte, um zu erfahren, wo das Kind ist. Und Entführungen sind so schrecklich, dass bekannt werdende Fälle oft wochenlang die Schlagzeilen beherrschen.

Zwangsprostitution umfasst alle drei Verbrechen gleichzeitig, wird aber viel nachlässiger behandelt, kaum ermittelt und gelinde bestraft. Eine Zwangsprostituierte hat fortlaufend Sex gegen ihren Willen, wird also pausenlos vergewaltigt. Sie wird durch Folter und Zwang aller Art bei der Stange gehalten. Und sie kann nicht frei bestimmen, wo sie sein will. Müsste unsere Empörung also nicht dreifach sein?

Stattdessen stellt man tatsächlich ein merkwürdiges Desinteresse auf allen Ebenen statt. Ist für uns bei den drei Verbrechen jeder einzelne Fall zu viel, gibt es bei Zwangsprostitution einen verharmlosenden Streit darum, ob ein Prozent, zehn Prozent, 50 Prozent (so die meisten Experten) oder 90 Prozent (so der Hamburger Polizeipräsident) der Prostituierten Zwangsprostituierte sind. Selbst ein Prozent wäre eine katastrophale Zahl, weil es sich damit um Tausende Opfer handeln würde.

Der deutsche Staat hat viel Personal, das steuerrechtliche, sozialversicherungsrechtliche und arbeitsrechtliche Bedingungen in vielen Firmen überprüft. Für die Bekämpfung des Menschenhandels stellt die Politik den Strafverfolgungsbehörden aber nicht genug Personal zur Verfügung. Dabei wird hier doch gegen alle sozial- und arbeitsrechtlichen Bestimmungen, ja alle unsere Vorstellungen von freier, ungefährlicher und würdiger Arbeit verstoßen, und Menschen werden in übelster Weise ausgenutzt. Die Bild-Zeitung titelte deswegen kürzlich zu Recht, Deutschland sei das Bordell Europas. „Der Spiegel“ bringt eine Ausgabe „Bordell Deutschland“ heraus, und schreibt im Untertitel: „Wie der Staat Frauenhandel und Prostitution fördert“.

Es ist ein Missstand, dass es keinen ertragreicheren Wirtschaftszweig auf der Welt als den Menschenhandel und die Zwangsprostitution gibt. Die Startkosten sind gering, die Profite hoch, die Nachfrage stark und wachsend, das Risiko gering und die Gewinne werden breit an alle Beteiligten verteilt – anders als beim Drogenhandel, wo die Masse der Gewinne an die Bosse nach oben geht.

Das hat auch weitreichende negative Konsequenzen über unser Thema hinaus. Neben dem Drogenhandel ist der Menschenhandel und insbesondere die Zwangsprostitution erstens der Hauptmotor für Korruption weltweit und zweitens die Haupteinnahmequelle für Bürgerkriegsarmeen, Rebellen, aber auch für religiös daherkommende fundamentalistische Bewegungen wie die Taliban, die Hisbollah und andere islamistische Gruppen.

Während es aber beim internationalen Drogenhandel ebenso wie beim islamistischen Terrorismus irgendwie noch einen gesamtgesellschaftlichen und weltweiten Konsens gibt, wonach diese Phänomene bekämpft werden sollten, schaffen es der Menschenhandel und die Zwangsprostitution kaum in das Bewusstsein der Menschen und sie werden mit weit geringeren Ressourcen bekämpft.

Wenn man weltweit, wie jüngst bei Gastvorlesungen in Belarus, Brasilien und Kenia, und in den deutschsprachigen Ländern gegen Zwangsprostitution und Menschenhandel unterwegs ist, erlebt man schon Merkwürdiges. Denn wer Zwangsprostitution oder gar die ihr zuarbeitende Gewaltpornografie im Internet anprangert, muss sich ständig gegen den Verdacht wehren, er sei ein lebensunlustiger Spießer, der anderen ihren Spaß nicht gönnt. Vergewaltigung, Folter, Entführung als Spaß?

 

In der RTL-Fernsehshow „Eins gegen Eins“ war meine Gesprächspartnerin, eine bekannte Pornodarstellerin, noch nicht einmal bereit, mir zuzustimmen, dass es schlimm sei, dass ein erheblicher Teil der Pornofilme im Internet Sex gegen den Willen der Frau zeige. Vielmehr ginge es dabei darum, dass Frauen, die Vergewaltigungsphantasien hätten, diese wie in einem Krimi fiktiv ausleben könnten. Sagt eine Frau!

Als Totschlagargument kommt dann immer wieder: Man sei nur gegen Prostitution. Das Schicksal von Zwangsprostituierten, die täglich mehrfach vergewaltigt werden, wird man aber nicht dadurch los, dass man auf ideologischen Grundsatzdebatten verweist.

Und das ist schon etwas sehr, sehr Seltsames, dass sich die Gesellschaft in eine solche Ecke der Freizügigkeit hinein geritten hat, dass sie selbst bei solch üblen Tatbeständen nicht mehr weiß, wo der Rückwärtsgang ist.

Heftige Kritik an einem Vortrag von mir auf dem Kirchentag in Hamburg am „Tag gegen Menschenhandel“ übte der staatliche Norddeutsche Rundfunk (NDR). Hauptkritikpunkt war, dass ich evangelikal sei. Komisch: Weil ich evangelikal bin, gibt es das Problem Zwangsprostitution nicht? Dagegen hat der ehemalige amerikanische Präsident Barack Obama jüngst in einer faszinierenden Rede gegen Menschenhandel ausdrücklich den Evangelikalen für ihren enormen weltweiten Einsatz gegen Menschenhandel gedankt.

Nach „Undine“, die der NDR vor allem interviewte, gibt es Zwangsprostitution in Deutschland praktisch nicht, höchstens im „Promille-Bereich“, das Thema diene nur der Verunglimpfung von Prostituierten. Der NDR wollte mich im Interview förmlich zwingen, meine Meinung zur Prostitution zu sagen. Doch was interessiert es Sklavinnen, dass ich glücklich verheiratet bin, nicht zu einer Prostituierten gehen würde (muss man sich dafür neuerdings entschuldigen?) und als Christ froh bin, in einem freien Land nach den Geboten meines Glauben leben zu dürfen? Hätte der NDR doch die Sendezeit genutzt, die anwesenden Ex-Zwangsprostituierten zu interviewen!

Mehrfach forderte ich alle Anwesenden auf, dass alle Menschen guten Willens gemeinsam gegen Sklaverei und Zwangsprostitution vorgehen und Betroffenen helfen sollten. Nachdem man ihnen die Freiheit zurückgegeben hat, kann man ja über sämtliche strittigen sexualethischen Themen diskutieren. Alle Menschen guten Willens müssten doch Zwangsprostitution verurteilen, Opfern instinktiv helfen und die Behörden dabei unterstützen, Fälle von Sklaverei aufzudecken und zu beenden. Aber bis zu einem solchen Konsens scheint es noch ein weiter Weg zu sein.

Thomas Schirrmacher